Deutschland lässt die Mafia gewähren
“Was ist Ihrer Meinung nach in Duisburg passiert? Ein Machtkampf zwischen verschiedenen Clans?
Mein erster Eindruck war: Diese Leute haben einen Fehler gemacht. Deutschland hat geschlafen, sie haben es aufgeweckt. Aber vielleicht haben sie das auch einkalkuliert. Was mich an der Sache interessiert, ist eine Mitteilung, die von den deutschen Ermittlungsbehörden kam: dass nämlich die Camorra schon am Tag nach den Morden bei den Bossen der ‘Ndrangheta von San Luca nachgefragt hat, warum diese Dummheit passiert ist. „Das hier ist unser Territorium, terra nostra!“
Was heißt „Territorium“ in diesem Fall?
Das bedeutet, dass es eine Basis ist, ein sicherer Hafen. Deutschland konzentriert sich auf den islamischen Terrorismus, es lässt die Mafia links liegen. Der Terrorismus spielt der Mafia in die Hände.
Wann hat die Ausbreitung der Mafia in Deutschland begonnen?
Nach dem Fall der Berliner Mauer. In Ostdeutschland gab es kaum Kontrollen, jeder konnte eine Firma gründen. Die erhofften Gründer aus Westdeutschland sind ausgeblieben, stattdessen kamen viele Ausländer, besonders Italiener. Es waren Neapolitaner, die die Westwaren in den Osten importierten. Die erste italienische Baufirma, die in der Ex-DDR tätig wurde, war die Alba Nova s.r.l., ein Unternehmen der Camorra. Sie hatte schon Verbindungen zum alten Regime gehabt. Für die Mafia war Ostdeutschland das Einfallstor nach Osteuropa. Ein Mafiaboss, der kürzlich in Polen verhaftet wurde, hatte rumänische Hotels aufgekauft. Ein anderer, den sie in Frankfurt geschnappt haben, war in Rümanien in mehreren Geschäftszweigen tätig. Eine der wichtigsten Anti-Mafia-Aktionen in Italien führte nach Chemnitz, wo der Hauptverdächtige untergetaucht war. Er besaß dort ein Kleidergeschäft.
Die Deutschen sehen sich gern als ehrlich und fleißig. Die Mafia verkörpert das Gegenteil. Wieso konnte sie bei uns dennoch Fuß fassen?
Ein deutscher Unternehmer zahlt kein Schutzgeld, das ist klar. Aber auch die deutschen Firmen haben nichts gegen Investoren. Solange sie nicht zu wissen brauchen, woher das Geld stammt, nehmen sie es gern. Ein Beispiel: In Deutschland ist Kokain billig, der Markt ist vor ein paar Jahren zusammengebrochen. Warum ist es so billig? Weil Deutschland nach Spanien das zweitwichtigste europäische Einfuhrland für Kokain ist. Die Droge wird in Rostock angelandet. Bei Inspektionen kann man sie nicht entdecken, weil man sonst das Schiff auseinandernehmen müsste. Das Kokain ist in Zwischenwände eingeschweißt, das Schiff wird verschrottet und die Ware entnommen. Es gibt viele ganz legale deutsche Firmen, in denen das Geld aus dem Drogenhandel gewaschen wird.
Soll man die Mafia mit den Islamisten gesetzlich gleichstellen?
Auf der Ebene der Wirtschaftskriminalität und des Drogenhandels, ja. Das wäre eine Lektion aus dem Blutbad von Duisburg. Leider ist das Interesse an den Hintergründen der Tat schnell wieder abgeflaut. Es gibt hier eine gewisse Neigung, die Sache beiseite zu schieben, sie den Italienern zu überlassen. Dabei hat das Problem längst eine europäische Dimension. Wenn man es nicht anpackt, wird es noch größer werden.”
Interview: Roberto Saviano, Autor des ausgezeichneten Buches über die Camorra.
Quelle: FAZ